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Reisen nach Afrika ist die beste Zeit im Jahr. Eine Zeit voller Faszination und Magie. Reich an hautnahen Begegnungen mit wilden Tieren und herzlichen Menschen. Weite Landschaften, ursprüngliche Natur und dem wahren Rhythmus des Lebens. Doch dieses Jahr sieht alles anders aus. Aufgrund der weltweiten Pandemie reisen wir aktuell nur in unserer Fantasie. Die Sehnsucht, die dieser Verzicht aufs Reisen für uns bedeutet, stellt viele Reiseveranstalter, Safarianbieter und auch die Menschen vor Ort in Afrika vor tiefgreifende Probleme. Von Existenzängsten bis Hunger und Anstieg der Wilderei. Wir haben mit unterschiedlichen Experten der Branche gesprochen, die alle auf ihre Art von der aktuellen, so einzigartigen Situation betroffen sind. Sie sind stellvertretend für so viele, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, ihre Liebe zu Afrika zu leben und sie mit anderen, die genau so begeistert von diesem wunderschönen Kontinent sind, zu teilen. Dieses Mal sprechen wir mit Dr. Jennifer Lalley, Mitbegründerin und Direktorin für Naturschutz bei Natural Selection.

Dr. Lalley

Dr. Lalley, wie ist die Lage im Moment?

Der Tourismus ist einer der am härtesten von der Covid-19-Krise betroffenen Wirtschaftszweige der Welt. Wir sind ein Tourismusunternehmen in Entwicklungsländern, in denen wir nicht nur Lodges führen und diese mit Buchungen füllen. Wir haben eine massive Verantwortung gegenüber den Gemeinden und dem Schutz der Wildtiere, die wir sehr ernst nehmen. Das ist in der Tat der einzige Grund, warum wir überhaupt mit „Natural Selection“ begonnen haben – um einen wirklichen Unterschied im Schutz der Wildtiere und Leben der Menschen in den Wildgebieten zu machen. Reiseverbote machen es natürlich unmöglich, ein Unternehmen zu betreiben, deshalb sind wir damit beschäftigt, alle möglichen Wege zu erkunden, um unsere Unterstützung für diese Wildtiergebiete bis zur Rückkehr der Reisenden fortzusetzen. Glücklicherweise haben die meisten Reisenden ihre Buchungen eher verschoben als storniert, was für jedes Reiseziel so weit wie möglich gefördert werden sollte. Wenn wir wollen, dass der weltweite Tourismus wieder anspringt, sollten die Menschen nicht einfach absagen – und wenn wir wollen, dass die Tiergebiete Afrikas überleben, sollten die Menschen ihre Buchungen auf keinen Fall stornieren.

Etosha Heights, Namibia

Welches sind die größten Herausforderungen, mit denen Sie derzeit konfrontiert sind?

Wege zu finden, um Menschen davon zu überzeugen, nicht zu stornieren, und mit Reisebüros auf der ganzen Welt zusammenzuarbeiten, die wirklich leiden – das ist eine tägliche Herausforderung. Auch unser neuer Versuch, Spenden für unsere „Outreach“-Projekte zu sammeln, ist eine Herausforderung. Wir haben noch nie zuvor Spendensammlungen vorangetrieben, und jetzt sind wir hier inmitten Tausender Spendenaufrufe.

Sable Alley, Botswana

Können Sie uns einen Überblick geben. Von wie vielen Projekten sprechen wir hierbei – und wie viele Menschen sind bei „Natural Selection“ von den Auswirkungen der Pandemie betroffen?

Wir haben 20 Lodges in ganz Botswana, Namibia und Südafrika mit mehreren hundert Mitarbeitern und über 20 Naturschutz- und Gemeinde-Hilfsprojekte, die wir unterstützen. Wir haben ein neues Projekt mit dem Namen COVID-19 Village-Support gestartet, um den Gemeinden neben den Wildtiergebieten, in denen wir tätig sind, mit Nahrungsmitteln und auch mit Informationen weiter zu helfen. Einige Projekte, die wir unterstützen, sind ebenfalls noch aktiv, wie z.B. die Wilderer-Bekämpfung. Bald werden zudem die Elefantenexpress-Busse, die wir im nördlichen botswanischen Delta haben, um Kinder über einen Elefantenkorridor zur Schule zu transportieren, die Befugnis haben, Klinikpatienten beim Transport zu unterstützen.

 

Wie unterstützen Sie all diese Projekte im Moment?

Die meisten unserer Projekte werden durch unsere Wohltätigkeitsorganisation, den „Natural Selection Conservation Trust“, unterstützt, der seine gesamte Finanzierung von „Natural Selection“ erhält. Glücklicherweise verfügt der Trust noch über Mittel. Jetzt versuchen wir, diese Mittel paralell durch eine Spendenkampagne aufzustocken. Wenn der Tourismus nicht wieder anspringt, werden wir auf Spenden angewiesen sein, um diese Projekte über unsere Wohltätigkeitsorganisation in Übersee, die „Natural Selection Foundation“, eine in den USA unter 501c3 registrierte Organisation, zu unterstützen.

 

Was bedeutet diese Situation für die Wildtiere?  

Auf globaler Ebene ist bekannt, dass der Tourismus einen wesentlichen Beitrag zum sozioökonomischen Wachstum leistet und in Gebieten mit wildlebenden Tieren und Pflanzen einen entscheidenden Beitrag zum Schutz von Lebensräumen und Wildtieren leistet. Nachhaltiger Tourismus macht den Schutz der Wildtiergebiete eines jeden Landes wirtschaftlich tragfähig, und in vielen Teilen der Welt würden diese Gebiete sonst von weniger umweltfreundlichen Industrien genutzt. Dies ist in weiten Teilen Afrikas sehr wohl der Fall. In den meisten Wildtiergebieten Afrikas ist der Tourismus der einzige Arbeitgeber, die einzige Möglichkeit für die Entwicklung von Fähigkeiten und sozialen Aufstieg (besonders für Frauen), die einzige Geldquelle für die Parkverwaltung und oft die einzigen Augen und Ohren vor Ort, die illegale Buschfleischjagd und Wilderei verhindern. Der Verlust von Einnahmen aus dem Tourismus in afrikanischen Wildtiergebieten bedeutet also weniger Geld für Anti-Wilderer-Patrouillen, weniger Geld für die umliegenden Gemeinden, die sich dann möglicherweise von Buschfleisch ernähren müssen, weniger Geld zur Bewältigung des Konflikts zwischen Mensch und Wild und höchstwahrscheinlich einen tragischen Zustand extremer Armut.

Wildhunde

Was brauchen Sie von den Ländern und ihren Regierungen?

Im südlichen Afrika brauchen die Tourismusunternehmen sofortige Hilfe, insbesondere diejenigen, die am Ende der Wertschöpfungskette stehen. Die meisten Verbraucher glauben fälschlicherweise, dass ihre Tourismusgelder direkt an das von ihnen gebuchte Hotel gehen, aber wenn sie nicht direkt bei diesem Hotel gebucht haben, ist dies nicht der Fall. Stornierungen treffen diese Betriebe also hart, da es oft keine Gästeanzahlungen gibt, auf die sie zurückgreifen können. In den Ländern, in denen Buchungen vorgenommen werden, scheinen sich die Regierungen der Auswirkungen von Reiseverboten auf die Verbraucher bewusst zu sein, aber sie scheinen sich nicht mit den Auswirkungen zu befassen, die Stornierungen auf die Reisebüros in diesen Ländern und ihre Verantwortung gegenüber so vielen Veranstaltern auf der ganzen Welt, insbesondere in Entwicklungsländern, haben. Wenn die Regierungen einen Weg finden könnten, die Reisebüros zu unterstützen und die Menschen zu ermutigen, nicht zu stornieren, indem sie eine Art Rückerstattung gewähren, würde dies die enormen negativen Auswirkungen mildern, die Reisestornierungen auf die globale Industrie haben.

 

Sable Alley, Botswana

 

Natural Selection“ operiert in Botswana, Namibia und Südafrika. Gibt es derzeit Unterschiede zwischen den Situationen in den einzelnen Ländern und damit auch bei einzelnen Projekten?

Alle Länder, in denen wir tätig sind, befinden sich in einem Lockdown, so dass es im Moment kaum Unterschiede gibt. Uns sind die Hände gebunden, bis der Lockdown aufgehoben ist und viele Projekte ruhen. Aber Nahrungsmittellieferungen über unser Covid-19-Dorfunterstützungsprojekt und unser Feed-a-child-Projekt sind erlaubt, ebenso wie die Verteilung der Informationsbroschüre. Was die staatliche Hilfe für Unternehmen wie unseres anbelangt, so steht nur sehr wenig zur Verfügung.

 

Gerade wenn alles so aussichtslos erscheint, braucht man einen Sehnsuchtsort, an den man sich hin träumt. Welcher ist Ihrer?

Wie die meisten Menschen, die regelrecht eingesperrt sind, würde ich alles dafür geben, jetzt in der freien Natur zu sein. Etwas Zeit in einer unserer Lodges oder in einem unserer Einsatzgebiete wäre eine willkommene Stärkung im Moment! Ich stelle mir die Weite Namibias vor, nachdem ich zu lange auf meinen Laptop und die Wände gestarrt habe.

Kwessi Dunes, Namibia

Fotos: Natural Selection Travel

Dieses Interview entstand im Mai 2020