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Reisen nach Afrika ist die beste Zeit im Jahr. Eine Zeit voller Faszination und Magie. Reich an hautnahen Begegnungen mit wilden Tieren und herzlichen Menschen. Weite Landschaften, ursprüngliche Natur und dem wahren Rhythmus des Lebens. Doch dieses Jahr sieht alles anders aus. Aufgrund der weltweiten Pandemie reisen wir aktuell nur in unserer Fantasie. Die Sehnsucht, die dieser Verzicht aufs Reisen für uns bedeutet, stellt viele Reiseveranstalter, Safarianbieter und auch die Menschen vor Ort in Afrika vor tiefgreifende Probleme. Von Existenzängsten bis Hunger und Anstieg der Wilderei. Wir haben mit unterschiedlichen Experten der Branche gesprochen, die alle auf ihre Art von der aktuellen, so einzigartigen Situation betroffen sind. Sie sind stellvertretend für so viele, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, ihre Liebe zu Afrika zu leben und sie mit anderen, die genau so begeistert von diesem wunderschönen Kontinent sind, zu teilen. Dieses Mal sprechen wir mit Jörg Ehrlich von Mitgründer und Geschäftsführer von Diamir Erlebnisreisen.

Jörg Ehrlich. Foto: Bernd Nill

Man könnte dieses Jahr gut mit dem Satz „Und dann kam Corona“ zusammenfassen. Und mit dem Virus stoppte das Reisen. Was bedeutet das für Diamir?

Die Situation ist absolut neu und unbegreiflich. Das gesamte Geschäft ist zu einem Stillstand gekommen und wir haben komplett neue Herausforderungen, die mit unserer Fernreise-Kompetenz nicht zu lösen sind. Wir haben jetzt ganz andere Aufgaben zu absolvieren.

Die Reisebranche kämpft seitdem geschlossen um ihren Erhalt. Was genau fordern Sie und was wurde bisher erreicht?

Die Reisebranche ist in Deutschland bisher vergessen worden, als es um staatliche Unterstützung ging: Wo ist der Gutschein für die Pauschalreise? Er wurde abgelehnt, die Kunden geschützt und die Reiseveranstalter in den Abgrund gestoßen. Wir kämpfen daher um den Rettungsfond, der den Reiseveranstaltern helfen würde, die unglaublich hohen Verluste durch Corona finanziell abfedern zu können.

Deadvlei, Namibia

Dann kam es zu einem Gespräch zwischen dem Parlamentarischen Staatssekretär Thomas Bareiß, und Stimmen aus der Branche, an dem auch Sie teilnehmen konnten. Hatte er ein offenes Ohr bzw. kam das Gefühl auf, dass er die Nöte der Branche versteht – und hat sich seit dem etwas bewegt? 

Herr Bareiß hat die Probleme sicher erkannt und kämpft, so gut er es in seiner Position kann, um die Themen auch in den Entscheidungsgremien mit Nachdruck etabliert zu bekommen. Daran scheitert er noch. Vermutlich an der SPD, leider.

Immer wieder wird im Moment gesagt, dass Reisen ja Luxus und damit verzichtbar sei, dabei steht die Branche für ein Milliardengeschäft, das unzählige Arbeitsplätze weltweit sichert. Warum wird das von der Regierung, Ihrer Meinung nach, so wenig gesehen?

Die Reisebranche wird seitens der Regierung eben nicht als „systemrelevant“ für Deutschland eingestuft, wie vielleicht die Autoindustrie. Ein Fehler, wenn man dabei an die ganze Welt denkt! Denn die Reiseindustrie schafft nicht nur in Deutschland weit über zwei Millionen Arbeitsplätze. Sie ist vor allem eben auch weltweit ein Garant, in strukturschwachen und armen Ländern – nicht nur in Afrika – sichere Jobs und Perspektiven zu schaffen! Daher fordere ich von der deutschen Regierung, hier umzudenken und sich der Verantwortung für unsere Welt besser zu stellen.

Zum 15.6. sind nun doch einige Grenzen wieder geöffnet worden und Reisen innerhalb Europas ist zumindest großteils wieder machbar. Spüren Sie einen Aufschwung oder sind die Urlauber zu verunsichert zum Reisepläne schmieden? 

Es gibt schon einige Gäste, die gern auch wieder in Europa Reisen möchten. Aber wer eben ein fernes Reiseziel erkunden mag, der möchte eben auch dort hin … und nicht plötzlich am Bodensee stattdessen Urlaub machen.

Diamir ist nicht auf einen einzelnen Kontinent spezialisiert, sondern auf Erlebnisreisen – individuell oder in kleiner Gruppe. Sehen Sie diese offenere Klammer aktuell als Vorteil an?

Ja, das sehe ich schon als Vorteil, aber vor allem eben in der Fernreise. Dass Gäste dann eben mal flexibel von Namibia auf Patagonien den Urlaub umbuchen können, ist durchaus vorstellbar. Denn viele Gäste haben mehrere Reisewünsche. Und wenn es jetzt doch noch nicht auf absehbare Zeit nach Brasilien geht, dann könnte ja Japan auch eine Alternative sein. Viele Reisegäste sind weltoffen und haben noch mehr als zehn Reiseziele als Wunsch im Kopf. Da sind viele flexibel und wir können es umsetzen. Aber wer jetzt denkt, dass alle unsere Gäste nur noch zwischen Mosel und Elbe Urlaub im eigenen Land machen, der hat die Welt des Reisens nicht vollumfänglich verinnerlicht!

Gepard, Kenia

 

Sie sind studierter Elektroingenieur – wie kommt man da zu einem eigenen Reiseunternehmen?

Ich habe bereits als Student im Nebenjob eine Reiseleitertätigkeit ausgeübt – und irgendwann war die Chance da, sich selbst in der Touristik einzubringen und durchzustarten. Über 19 Jahre lang hat das wunderbar geklappt: Wir haben fast 15.000 Gäste jährlich, weit über 100 eigene Angestellte bei Diamir hier in Deutschland … und nun kommt Corona dazwischen und fordert uns alle heraus!

Was zeichnet die Reisen von Diamir aus?

Unsere Reisen geben den Menschen einen tiefen Einblick in die Kulturen anderer Völker und Länder. Wir können einzigartige Naturerlebnisse organisieren, an denen die Gäste ein Leben lang Freude und Bereicherung empfinden. Ob das in der Serengeti oder der Antarktis ist, ob Kultur in Indien oder Begegnungen im Amazonasbecken.

 

Für eine große Liebe und besonders eindrucksvolle Erlebnisse steht auch Afrika. Was begeistert Sie selbst an diesem Kontinent?

Es sind vor allem die unberührten Naturlandschaften, in denen man auf Safari eine intakte Natur und Tiere beobachten kann … Als wäre der Mensch nicht auf unserer Erde zugegen.

Luftbild der Namibwüste

 

Welche Folgen hat die aktuelle Vernichtung der Reisebranche für Afrika, für Ihre Partner, die gerade keine Touristen beherbergen dürfen? Wo sind die größten Nöte und Herausforderungen?

Das größte Drama ist die Perspektivlosigkeit und Arbeitslosigkeit in den entlegenen Winkeln Afrikas. Die armen Menschen in diesen Regionen leben und überleben vom Tourismus – und nun kommt diese Einkommensquelle komplett zum Stillstand. Hunger und Elend kommen da an vielen Stellen zum Vorschein. Das ist noch viel bitterer als die Zerstörung der touristischen Unternehmen in Deutschland oder Europa, oder?

Mit welchen Vorurteilen Afrika gegenüber würden Sie gerne Mal aufräumen?

Irgendwie habe ich den Eindruck, dass in manchen Belangen des zuvorkommenden Services im Dienstleistungsbereich Afrika sogar Vorreiter ist. Wenn ich mich auf die sehr gut ausgebildeten Angestellten der kleinen Hotels oder Lodges, Zeltcamps oder Restaurants beziehe, so gehen diese Menschen mit einem Stolz, mit einer Professionalität und vor allem einer Herzlichkeit ihrem Tagwerk nach, dass es eine absolute Freude ist, dies als Gast genießen zu dürfen und in Anspruch nehmen zu können. Ab und zu kommt dann noch ein entschuldigendes Wort, wenn es doch mal ein ‚Produkt der Speisekarte‘ nicht gibt: „Sorry Sir, this is Africa …“ Doch wenn ich dann vergleiche und sehe, wie herzlos und gehetzt mancher Service im Restaurant in Deutschland richtiggehend runtergeritten wird, dann fühle ich mich in Afrika viel wohler, wertiger, freundlicher als Gast wahrgenommen, als in vielen Speisegaststätten oder Hotels in Europa.

Und genau diese Herzlichkeit ist es, die mich immer wieder an Afrika denken lässt. Dieses Gefühl, dort ein Stück zu Hause zu sein, wird meines Wissens vor allem durch die herzlichen Gastgeber erzeugt, die aus teilweise schwierigen, herausfordernden Rahmenbedingungen – mitten in der Wildnis und Einsamkeit der Serengeti zum Beispiel – einen Service herzaubern, der unbegreiflich freundlich und echt wirkt. Das ist wirklich beeindruckend! Da ist ein weitverbreitetes Vorurteil, das man in Afrika nur Maisbrei und selbst gebrautes, komisch schmeckendes Bier bekommt, völlig falsch. Im Grunde genommen, kann man in Afrika mehr luxuriösen Service finden, als bei uns im automatisierten Europa!

Geparden, Namibia

Man sagt ja: In jeder Krise liegt eine Chance? Welche könnte es in der Corona-Krise sein?

Hier gehen die Trends hin zu digitalen Kanälen, die dann viele traditionelle Buchungswege vielleicht hinterfragt. Vielleicht kann sich der Reiseinteressent ja direkt mit dem Safari-Guide in einem Chat über die Urlaubsdetails sich austauschen? Oder schon mal in einer Videokonferenz mit auf Safari-Ausflug gehen? Es wird aber auch dramatische Folgen für die Wertschöpfungskette geben: Brauchen wir alle in Zukunft noch gedruckte Kataloge? Oder Messen? Welche Reisebüros bieten Mehrwerte? Ist bei „online“ wirklich alles besser oder steht man dann mit Problemen wieder im Regen und keiner hilft? Ist es die Rückbesinnung zum Reisebüro? Oder doch der direkte digitale Draht zum Endprodukt? Diese Fragen erörtern wir auch gerade in unserer eigenen Agentur www.7o7.com und können da einige neue Erkenntnisse erlangen.

Denken Sie, dass sich das Reisen verändern wird – und wenn, wie?

Das Reisen wir sich verändern. Die Angst wird einer Vorsicht weichen, die lautet: mehr Natur, mehr Abstand, mehr Sicherheit. Und die Dankbarkeit für das Erlebnis wird zunehmen, da die Selbstverständlichkeit, die ganze Welt zu Füssen liegen zu haben, eben nicht mehr gegeben ist. Nach dem Corona-Stillstand sind viel mehr Demut vorhanden und Dankbarkeit.

Kenia

Worin könnten in diesem sagenumwobenen „The new normal“ die Chance für Afrika als Reisedestination liegen?

Für Afrika ist alles noch viel schwieriger als hier in Deutschland. Profitieren kann Afrika in dem Moment, wo es selbst aktiv werden kann, sei es mit attraktiven eigenen Internetseiten oder Angeboten, die in Europa überzeugen. Authentische Masai-Dorf-Erlebnisse, die Einblick in die Kultur geben, „living historic villages“ oder dergleichen. Das sind alles Möglichkeiten, die man anführen könnte. Aber generell ist es für Afrika extrem schwierig. Ich gehe leider in meiner Analyse davon aus, dass mehr Elend und Armut nach der Krise Afrika zu schaffen macht und die Chancen zum Durchstarten noch schlechter sind, als in Deutschland. Und auch in Deutschland sieht es im Moment sehr getrübt aus. Und die Politik macht keine Anzeichen, da ansatzweise auch nur helfen zu wollen!

Wie wird Diamir in dieses neue Zeitalter eintreten?

Wir sind flexibel und gut vorbereitet, neue digitale Wege anbieten zu können. Wir haben auch Hygienekonzepte bereits vorbereitet und im Einsatz, sodass die Zukunft kommen kann. Nur noch unser deutscher Außenminister verbietet uns im Moment unsere Arbeit. Aber auch das werden wir überstehen – und dann die Leidenschaft an den Tag legen, unseren Reisegästen endlich wieder die Welt zu zeigen – mit Sicherheit!

Wenn Sie sich gerade in die Ferne träumen – wo liegt Ihr persönlicher Sehnsuchtsort?

Ich würde gern im Okavangodelta, in der Serengeti oder der Masai Mara sein. Sollte das nicht möglich sein, würde ich mich auch mit Südgeorgien anfreunden. Oder Spitzbergen!

Weitere Informationen unter diamir.de