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Reisen nach Afrika ist die beste Zeit im Jahr. Eine Zeit voller Faszination und Magie. Reich an hautnahen Begegnungen mit wilden Tieren und herzlichen Menschen. Weite Landschaften, ursprüngliche Natur und dem wahren Rhythmus des Lebens. Doch dieses Jahr sieht alles anders aus. Aufgrund der weltweiten Pandemie reisen wir aktuell nur in unserer Fantasie. Die Sehnsucht, die dieser Verzicht aufs Reisen für uns bedeutet, stellt viele Reiseveranstalter, Safarianbieter und auch die Menschen vor Ort in Afrika vor tief greifende Probleme. Von Existenzängsten bis Hunger und Anstieg der Wilderei. Wir haben mit unterschiedlichen Experten der Branche gesprochen, die alle auf ihre Art von der aktuellen, so einzigartigen Situation betroffen sind. Sie sind stellvertretend für so viele, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, ihre Liebe zu Afrika zu leben und sie mit anderen, die genau so begeistert von diesem wunderschönen Kontinent sind, zu teilen. Dieses Mal sprechen wir mit Dereck Joubert – renommierter Tierschützer, preisgekrönter Filmemacher sowie Gründer und CEO von Great Plains Conservation.

Beverly und Dereck Joubert. Foto: Wildlife Films

Dereck, was für ein Jahr. Wie geht Great Plains Conservation in dieser Zeit?

Wie alle Safari-Betriebe sind auch unsere Camps aktuell geschlossen. Unsere Marketing- und Vertriebsabteilungen machen hingegen Überstunden, um sicherzustellen, dass wir den Traum von einer Safari am Leben erhalten. Unsere Guides und fähigen Mitarbeiter setzen wir nun gezielt im Naturschutz- und im Kampf gegen Wilderei ein, sodass wir Wildtiere retten, Arbeitsplätze schaffen und die Systeme funktionsfähig halten können.

Great Plains – Selinda Camp. Foto: Andrew Howard

 

Bei der Größe von Great Plains Conservation ist das eine sehr beachtliche Leistung. Können Sie uns einen genauen Einblick geben?

Wir haben etwa 660 Mitarbeiter – und ich habe mich entschlossen, niemanden in dieser Zeit gehen zu lassen, sodass wir unsere volle Mannschaft beschäftigt haben. Die Camps werden nun alle gründlich gereinigt und instand gehalten. In vier unserer Camps führen wir sogar größere Renovierungen durch. Jedes Camp hat ein Mitarbeiterkontingent, Manager und Hausmeister.

Was brauchen Sie un von den Ländern und ihren Regierungen?

Wir brauchen klare Angaben darüber, wann wir wieder öffnen können, und Protokolle, die einfach und klar sind und unseren Gästen keine massiven Umstände bereiten, wenn sie wieder reisen.

Gibt es aktuelle Unterschiede zwischen den Situationen in den einzelnen Ländern, in denen Great Plains aktiv ist – und damit auch für einzelne Projekte?

Ja, einige Länder haben strengere Sperrungen, andere ignorieren sie komplett. Tansania zum Beispiel hat keinen Lockdown und missbilligt sogar den Gebrauch von Masken. Botswana ist völlig abgeschottet. Wir sind in Simbabwe, Kenia und Botswana tätig, und ich vermute, dass Kenia als Erstes öffnen wird. Wir erneuern also unsere Camps und kaufen sogar Grundstücke, um in Kenia zu expandieren.

Great Plains olDonyo Lodge, Kenia. Foto: Andrew Howard

 

Der Tourismus liegt in Afrika im Moment im Dornröschenschlaf, aber der Naturschutz kann dies nicht. Wie können Sie hier weiterhin an erster Front präsent bleiben?

Genau so ist es! Darum rief ich Freiwillige unter allen Mitarbeitern auf, als Teil des Rangerteams mitzuhelfen, Nashörner zu schützen und Patrouillen an den Grenzlinien zu machen. So haben wir unsere Rangertruppe vervierfacht, um sicherzustellen, dass Arbeitsplätze gesichert werden, aber auch, dass der Schutz der Natur weiter gehen kann. Darauf aufbauend starteten wir eine Initiative mit dem Namen “Project Ranger”, die Mittel zur Aufstockung der Gehälter von Rangern und Mitarbeitern an der Schutzlinie in ganz Afrika aufbringt. Wir hoffen hierfür 60 Millionen Dollar als Notfallfonds sammeln zu können. Denn es ist ein Notfall – und ohne Hilfe werden wir eine unglaubliche Wilderei und die eine damit einhergehende dramatische Dezimierung der Wildtiere erleben.

Great Plains Big Life Foundation Foto: Jeremy Goss

 

Ist das aktuell die größte Herausforderung, mit der Sie derzeit konfrontiert sind?

Natürlich kann unser Unternehmen nicht unbegrenzte Zeit ohne Einkommen überleben, aber größer als dieses Problem ist eine sehr enge Zeitschiene, die mit zunehmender Wilderei gegen die die Wiedereröffnung des Tourismus und den Neustart dieser Wirtschaft rennt. Wir verlieren, neben der massiven Zunahme der Armut, massenhaft Wildtiere.

Wo ist die Lage am schlimmsten?

Uganda ist stark betroffen, in Muchison Falls und im Queen Elizabeth Park wird in großem Umfang Buschfleisch und Raubtierwilderei betrieben. Ganze Reservate werden verwundbar gemacht.

Lassen Sie uns bitte noch einmal auf das Project Ranger zurückkommen. Können Sie uns bitte noch ein wenig mehr darüber erzählen?

Wir haben das Projekt ins Leben gerufen, um das Bewusstsein und dadurch auch Finanzierung zu erhöhen, damit die Ranger im Feld bleiben und bezahlt werden können. Ohne Ranger haben die Wilderer freie Hand, und wir werden eine Eskalation der Wilderei in ganz Afrika erleben. Es kostet uns etwa 500 Dollar im Monat, einen Ranger im Feld zu halten. Aktuell müssen wir 5.000 Ranger für mindestens ein Jahr lang im Feld halten. Daher ist Project Ranger ein Appell an so viele Menschen als möglich, uns jetzt in dieser kritischen Zeit zu unterstützen.

Great Plains – Project Ranger

Sie unterstützen auch Frauen in vielen Projekten. Warum sind gerade sie die Kraft Afrikas?

Es ist richtig, dass wir intensiv für die Gleichstellung der Geschlechter kämpfen und in Frauen investieren wollen, damit sie zumindest ihr Schicksal in Würde selbst bestimmen können. Gleichzeitig bewirkt jede Frau, der man aufhilft viel mehr in ihrer direkten Familie und in ihrer Gemeinde, als es Männer in den Gemeinschaften vermögen. Einer Frau Bildung zu geben bedeutet, sie gegen Missbrauch zu wappnen, ihr die Mittel zu geben, ihr eigenes Geld zu verdienen und ihr die Würde und Freiheit zu verleihen, in ihrem Leben selbst Entscheidungen zu treffen. Das ist natürlich alles richtig, aber in dieser COVID-Zeit, in der so viele Menschen den Stachel des eingeschränkten Zugangs zu ihren Lieben, der Bewegungsfreiheit und des freien Willens gespürt haben, können wir für einen Augenblick in unterschiedlichen Graden spüren, wie es tagtäglich für viele Frauen auf der ganzen Welt ist, ohne die Möglichkeit auf Selbstbestimmung ein Leben in Gefangenschaft führen. Ich hoffe, dass COVID und Lockdowns uns alle zu mehr Toleranz gegenüber den Nöten anderer führen werden. Ein Teil unserer Selbsthilfe-Ausbildung besteht nun darin, dass wir neun Frauen für sechs Monate nach Indien gebracht haben, damit sie dort lernen, wie man Solarpaneele entwirft, baut und diese Technologie auch wartet. Das gibt ihnen dann buchstäblich Macht in die Hände.

Wie wird sich, Ihrer Meinung nach, die Zukunft des Reisens verändern?

Ich denke, dass wir (wenn wir aufpassen) das Ende des Massentourismus gesehen haben. Die Zeiten, in denen sich die Menschen rund um die Füße des Eiffelturms durch Drehkreuze pressen oder durch die Straßen Venedigs scharren. Werden wir weiterhin in Reihen stehen wollen? Werden wir riskieren wollen, eine Flugreise zu überstehen, nur um New York oder die Pyramiden “abzuhaken”? Ich denke, dass eine sinnvolle Reise zu Zielen und zu Dingen, die das Leben verändert, sich lohnen wird. Stellen Sie sich ein Wellness-Retreat in der Ol Donyo Lodge vor, wo ein Experte, ein Yogameister und ein Ernährungsberater tagsüber Zeit mit Ihnen verbringt, ehe Sie mit einem erfahrenen Massai den Spuren eines Geparden folgen. Dann kehren Sie zu einem Gastvortrag über den antiken Menschen zurück. Während der ganzen Zeit sind Sie mit Ihrer Familie in einer privaten, abgeschiedenen Villa oder in Ihrer eigenen Lounge, in der Sie an Ihrem Buch arbeiten. Es wird zwei unterschiedliche Stile zum Reisen geben: Reisen aus einem bestimmten Grund und Reisen als Belohnung; Reisen wird es geben, denn das liegt in unserer DNA.

Great Plains Mara Nyika, Kenia. Foto: Great Plains

 

Was muss sich konstant verändern, damit aus dieser „neuen Normalität“ auch eine „bessere Normalität“ wird?

Ich denke, es geht darum zu verstehen, was wir wollen. Die trivialen Dinge, von denen wir dachten, dass wir sie „brauchen“ werden vielleicht verworfen. Auf mehr Flughäfen, als ich überhaupt zählen kann, habe ich mehr Hemden gekauft, für die ich gar keinen Platz habe. In den letzten 100 Tagen im Lockdown habe ich sie mir angesehen und festgestellt, dass ich tatsächlich gerade einmal ein Zehntel davon trage. Brauche ich also die anderen – oder schlimmer noch, muss ich ein Neues kaufen? Muss ich reisen? Daher denke ich, der Unterschied wird im Anspruch liegen, was wir wirklich tun. In den Camps haben wir natürlich neue Protokolle, aber in vielerlei Hinsicht konzentrieren wir uns bereits jetzt schon auf das Wesentliche: “Qualität“ – und so wird das Leben in der Zukunft aussehen.

Liegen in diesem erzwungenen Neustart auch Chancen – insbesondere für Afrika?

Ich denke, dass sich im September die Grenzen öffnen werden, aber ich erwarte nicht, dass die Branche dadurch sofort wieder in Gang kommt. Ich warte, wie so viele andere auch, sehnlichst darauf, die Migration zu erleben, ohne dass 100 Kleinbusse in der Nähe sind – also werde ich so bald wie möglich dort sein.

Great Plains Mara Expedition Camp, Kenia

 

Wenn das Reisen 2020 wirklich im Stillstand bleibt, wann erwarten Sie die Rückkehr der Touristen dann?

Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass wir in diesem Jahr große Geschäfte machen oder viele Leute reisen werden. Wir sehen immer einen Anstieg der Buchungen im Februar, die sich dann von Mai bis zum Ende des Jahres in Reisen umlegen. Ich gehe also davon aus, dass das 2021 passieren wird, aber mit einem Rückgang von 33 %. Und einer “Normalisierung” in 2022.

Sie sind Pioniere in der Zusammenarbeit mit Mitbewerbern. Für “Rhinos Without Borders” und den “Lion Recovery Fund” arbeiten Sie bereits mit Konkurrenten zusammen. Wie wichtig werden Kooperationen dieser Art in Zukunft für die gesamte Branche sein?

Im Naturschutz sind wir immer auf der Suche nach Zusammenarbeit! Letzte Woche habe ich 250.000 Dollar von unserer Stiftung an Project Ranger versprochen, wenn jemand aus der Branche mitmacht und das ist eine Möglichkeit, die Zusammenarbeit zu fördern. Wir prüfen auch die Zusammenarbeit mit anderen NROs (Anm. d. Red. Zivile Interessenverbände) in Naturschutzfragen, damit wir Fähigkeiten und Kosten kombinieren können, aber auch, damit wir in dieser kritischen Zeit eine größere Stimme entwickeln können. Von Great Plains selbst werden Sie bald von noch mehr Kooperationen hören, sogar von überraschenden, die im Laufe des Jahres angekündigt werden. Jetzt ist es an der Zeit, die gleichgesinnten Freunde in der Branche zu finden. Diejenigen, die dieselben Werte, dasselbe Dienstleistungsniveau und denselben Geist teilen. Ich möchte nur mit Menschen Geschäfte machen, die die Dringlichkeit und den Sinn für Zusammenarbeit erkennen, um Afrika zu retten und unsere Gemeinschaften jetzt besser zu machen. Wenn es ein Handel ist, nur um das Geschäft zu fördern, dann bin ich das nicht.

Rhinos Without Borders. Foto: Beverly Joubert

 

Lassen Sie uns mit etwas Schönem enden: Wo liegt aktuell ihr Sehnsuchtort? Wo hoffen Sie bald wieder hin zurückkehren zu können?

Mein wirkliches Zuhause in den Duba Plains in Botswana. Ein Ort, der für mich diese einzigartige Mischung aus Aufregung und Ruhe bietet. Er befindet sich nicht in einem unserer Camps, sondern ist ganz in der Nähe, sodass ich hier Privatsphäre und einen Moment der Besinnung und des Friedens finde. Aber gleichzeitig zieht es mich in unser neues Camp in Kenia, das gerade erst fertiggestellt wird. Mar Nyika ist ein atemberaubendes Zeltlager, das sich entlang eines Bachs erstreckt, ein einzigartiges Design an einem wunderbaren Ort. Ich sehne mich danach, mit Delfinen tauchen zu gehen, und werde bald nach Chile reisen, um Pumas zu filmen, und hoffe, nach Norden zu gehen, um bei den Eisbären zu sein. Aber Duba stiehlt mein Herz und meine Träume, solange meine Frau Beverly dabei ist.

Great Plains Duba Plains, Botswana. Foto: Dookphoto

 

Weitere Informationen unter greatplainsconservation.com und greatplainsfoundation.com/project-ranger

Das Interview führten wir Ende Juni 2020