African Mag Logo
African Mag Logo Badge

Reisen nach Afrika ist die beste Zeit im Jahr. Eine Zeit voller Faszination und Magie. Reich an hautnahen Begegnungen mit wilden Tieren und herzlichen Menschen. Weite Landschaften, ursprüngliche Natur und dem wahren Rhythmus des Lebens. Doch dieses Jahr sieht alles anders aus. Aufgrund der weltweiten Pandemie reisen wir aktuell nur in unserer Fantasie. Die Sehnsucht, die dieser Verzicht aufs Reisen für uns bedeutet, stellt viele Reiseveranstalter, Safarianbieter und auch die Menschen vor Ort in Afrika vor tief greifende Probleme. Von Existenzängsten bis Hunger und Anstieg der Wilderei. Wir haben mit unterschiedlichen Experten der Branche gesprochen, die alle auf ihre Art von der aktuellen, so einzigartigen Situation betroffen sind. Sie sind stellvertretend für so viele, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, ihre Liebe zu Afrika zu leben und sie mit anderen, die genau so begeistert von diesem wunderschönen Kontinent sind, zu teilen. Dieses Mal sprechen wir mit Johannes Soeder, Mitbegründer und -eigentümer von Akwaba Afrika.

Johannes Soeder, Foto: Jutta Lemcke

Man könnte dieses Jahr gut mit dem Satz „Und dann kam Corona“ zusammenfassen. Vor welche Situation hat das Akwaba Afrika gestellt?

Das Jahr fing sehr gut an. Januar und Februar 2020 waren unsere stärksten Monate seit Gründung der Firma. Mit der Absage der ITB (Internationalen Tourismus Messe) Anfang März schwante uns schon übles, dennoch hatten wir sehr kurzfristig ein Ersatz-Event für afrikanische Touristikvertreter organisiert. Wir rechneten damit, dass nicht nur wenige Länder betroffen sein werden, hatten aber nicht mit einer globalen Pandemie gerechnet. Insofern hat es uns, wie viele Veranstalter kalt erwischt, wobei wir noch Glück hatten und in der Zeit, in der die Länder nach und nach dichtgemacht haben, keine Gäste mehr vor Ort hatten. Nichtsdestotrotz sind auch wir seit Anfang März ohne Umsatz und mussten bereits erwirtschaftete Umsätze wieder zurückzahlen, wobei wir gleichzeitig von den Airlines bezüglich der Rückerstattung ausgefallener Tickets im Stich gelassen werden. Gott sei Dank mussten wir niemanden entlassen, aber auch die Kurzarbeit fordert von unseren Mitarbeitern Opfer. Abgesehen von finanziellen Sorgen ist es aber die Schlimmste, dass wir seit Monaten unsere Passion nicht mehr ausüben können und quasi zum Abwarten gezwungen sind, während wir jeden Monat Geld verlieren.

Die Reisebranche kämpft seitdem geschlossen. Was genau fordern Sie und was haben Sie bereits erreicht?

Hier muss man differenzieren. Ich sehe diese Geschlossenheit nicht so. Besonders zu Anfang der Krise war eine extreme Feindschaft der Reisebüros gegenüber Veranstaltern zu spüren. Das lag aber auch daran, dass Großunternehmen wie TUI schnellen Zugriff auf Staatshilfen bekommen haben, während die kleineren Reisebüros gleichzeitig ihre Provisionen zurückzahlen mussten, und weder Aussicht auf funktionierende Staatshilfe hatten, noch leichten Zugang zu den KfW-Krediten erhalten haben. Auch bei der Gutscheinfrage waren sich Veranstalter und Reisebüros alles andere als einig. Dadurch entstand viel dicke Luft, die sich aber wieder etwas legen konnte – auch, weil nach einiger Zeit besser kommuniziert wurde, dass die Touristik extrem vielschichtig ist. (Es gibt über 3000 Reiseveranstalter, von denen über 90 % KMUs, also kleinere und mittlere Unternehmen, sind). Die Reisebüros haben ihre Ziele zumindest teilweise erreichen können, dass Ihre Provisionsausfälle aus dem Konjunkturpaket bedient werden können. Für die Reiseveranstalter gibt es bis heute keinen einzigen Fortschritt. Zwar sind die freiwilligen Gutscheine nun (nach fast 3 Monaten Diskussion) vom Bund abgesichert, aber wenn man ehrlich ist, will kaum ein Kunde diese Gutscheine (auch nicht die abgesicherten). Die Regelung ist demnach nicht wirklich etwas wert. Auch die angedachte Fond-Lösung, die eine weitere finanzielle Belastung für die Veranstalter bedeutet, ist realitätsfern und der Situation der Veranstalter eher abträglich, es sei denn man ist ein Großkonzern. Als Veranstalter haben wir keine große Hoffnung mehr auf finanzielle oder strukturelle Hilfen seitens der Politik, aber wünschen uns eine einzelfallgerechte Bewertung der Reisewarnungen, so dass das Hauptgeschäft, das für die meisten im Juli und August stattfindet kein totaler Ausfall wird.

Warum kommt so wenig Rückhalt seitens der Regierung und was wäre dringend erforderlich, um der Reisebranche den wichtigen Rückhalt in dieser Zeit zu geben?

Über die Gründe kann man natürlich viel spekulieren und ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich es schwierig finde die Logik der Bundesregierung in ihren Antworten auf die Corona-Krise zu erkennen. Man bekommt das Gefühl, dass die Regierung den Zugang zur Lebensrealität extrem vieler Menschen verloren hat. Auch die Strukturen der Touristik scheinen vielen Politikern zu komplex und schwer begreiflich zu sein. Das sieht man daran, wenn eine Frau Hiller-Ohm (Tourismusbeauftragte der SPD) freudig proklamiert, dass das Konjunkturpaket ein entscheidender Schritt zu Rettung der Tourismusbranche sei, was es natürlich nicht ist. Gleichzeitig sind im nächsten Jahr Bundestagswahlen. Gesetzesänderung zur Entlastung der Touristiker würden wohl viele Verbraucher bzw. Wähler verstimmen. Anhand der Rhetorik vieler Politiker meine ich zu erkennen, dass politisches Kalkül einer der Gründe ist, warum die Touristik hängen gelassen wird. Wichtig wäre es jetzt Reisewarnungen anzupassen und nicht rückzahlbare Zuschüsse zu gewähren, da wir die einzige Branche in Deutschland sind, die noch immer Geschäft rückabwickeln muss, völlig unverschuldet und ohne die Möglichkeit, sich für die jetzige Situation abzusichern.

Meroe Pyramiden

Denken Sie, dass es Reiseveranstalter geben wird, die durch diese mangelnde Unterstützung unverschuldet in die Insolvenz getrieben werden und die Krise nicht überleben werden?

Ja, es gibt schon einige Insolvenzen und viele werden folgen, besonders jetzt da das Auswärtige Amt die Reisewarnung für alle außereuropäischen Ziele bis Ende August (also Ende der Hauptsaison) verlängert hat. Das ist quasi der Todesstoß für viele Fernreise-Spezialisten, der von der Regierung ohne abfedernde Maßnahmen billigend in Kauf genommen wird.

Gemeinsam mit dem Reiseveranstalter Elangeni African Adventures haben Sie am 12.6.20 einen Erlass einer einstweiligen Anordnung beim Verwaltungsgericht Berlin eingereicht. Stellvertretend für eine Vielzahl von Fernreiseveranstaltern fordern Sie damit die Aufhebung der Reisewarnung für Tansania, Seychellen, Mauritius und Namibia. Was genau steckt da dahinter?

Für die vier genannten Länder sehen wir den begründenden Sachverhalt („akuten Gefahr für Leib und Leben“ – siehe die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes (AA)) nicht gegeben. Zwar hat bisher nur Tansania seine Grenzen wieder für Touristen geöffnet (Die anderen Länder haben Pläne für eine zeitnahe Öffnung.). Es geht aber auch darum, ein Zeichen zu setzen. Es sind ja nicht nur Akwaba und Elangeni betroffen, sondern eine ganze Branche zu der hunderte Fernreisen-Spezialisten gehören und mit ihren Destinationen zum Teil vor der gleichen Problemlage stehen: Die Destination hat das Infektionsgeschehen im Griff, aber das Auswärtige Amt erklärt sie trotzdem zum Hochrisikogebiet, um den Tourismus (und die damit verbunden Einkünfte) in Europa zu lassen, obwohl die Zahlen innerhalb Europa eine ganz andere Sprache sprechen als die Bundesregierung es darstellt. In meinen Augen ist die Vorgehensweise des AA nicht mehr als ein (für den Staat) kostenloses Konjunkturpaket für europäische Inbound-Tourismus-Dienstleister. Gesundheitliche Aspekte werden dabei vorgeschoben, um dies zu legitimieren. Diese Legitimation zweifeln wir an und fordern eine Änderung, wenn nötig bis vor den Europäischen Gerichtshof.

In Summe sind die Infektionszahlen in den afrikanischen Ländern deutlich niedriger als beispielsweise bei uns in Europa. Warum wird dies, Ihrer Meinung nach, hier so wenig kommuniziert?

Zunächst einmal ist es verständlich, wenn sich auf Zahlen für Regionen und Länder konzentriert wird, zu denen man einen stärkeren Zugang hat bzw. die eine möglichst hohe Relevanz für viele Menschen in Deutschland besitzen. Es verhält sich aber hierbei, wie bei allen Nachrichten die aus Afrika stammen: Solange es sich nicht um eine Krise, ein Krieg oder eine Katastrophe handelt, interessieren sich nur wenige Menschen dafür. Gute Nachrichten kommen in Europa fast nie an. Z. B. in der Ebola-Krise hat die Elfenbeinküste, welche direkt an eines der Epizentren grenzt, eine außergewöhnliche und vorbildliche Reaktion gezeigt, die dazu geführt hat, dass es im Land keinen einzigen Fall gab. Auch über die allgemein sehr positive wirtschaftliche und humanitäre Entwicklung in Afrika wird nie geredet. Es scheint, als wenn wir, unterstützt durch Medien und Politiker, am Glauben an das alte rassistische Narrativ eines unterentwickelten Afrikas, in dem nur Chaos und Verderben existieren, festhalten wollen, um uns irgendwie besser zu fühlen. Ein fortschrittliches Afrika, das verantwortungsbewusst mit derartigen Krisen umgeht, passt nicht in unser Weltbild und hinterfragt unsere eigenen Werte und Strukturen. Es wird daher bewusst ausgeblendet.

Das ist auch teilweise der Grund, warum das Auswärtige Amt Reisewarnungen für Länder wie Namibia herausgibt, obwohl es aktuell nur 34 Fälle (Stand 16.06.20) von Corona-Infizierten gibt. Man traut Ländern des globalen Südens pauschal nicht zu, angemessen auf Krisen reagieren zu können. Das ist ein Vorurteil, das im Kern rassistisch ist und eines modernen Deutschlands nicht würdig ist.

Was fasziniert Sie persönlich an diesem besonderen Kontinent?

Das ist eine gute und schwierige Frage. Afrika ist für mich ein Ort des Lebens in jeglicher Form. Die Geschichte unserer Spezies nahm hier Ihren Anfang, die afrikanische Natur ist eine der diversesten und reichhaltigsten Lebensräume der Welt. Afrika besitzt zudem die größte sprachliche und kulturelle Vielfalt aller Kontinente. Was mich persönlich aber am meisten fasziniert und inspiriert ist die Menschlichkeit, die ich hier in ihrer energievollen und ungeschminkten Form erlebe. Die Fähigkeit der Bewohner Afrikas das Leben immer wieder neu zu navigieren und zu meistern. Wenn ich in Afrika bin, fühle ich mich als verbundener Teil der Menschheit, ein Gefühl, das ich im auf Effizienz und das Individuum getrimmten Europa nur selten spüre.  Oder um es auch mit einem Zitat von Vladimir Drachousoff zu sagen: „Afrika ist eine Schule für den Charakter, aber auch ein Friedhof der Illusionen.“

Elmina Hafen und Sklavenfestung

Was macht für Sie Reisen nach Afrika aus?

Reisen nach Afrika sind für mich immer wieder von Überraschungen geprägt, da der Kontinent wesentlich vielschichtiger ist als man zunächst annimmt. Mit jedem Besuch entdeckt man eine neue Ebene. Vielleicht ist dies auch teilweise der Grund, warum viele, die einmal auf dem Kontinent waren, immer wieder zurückkommen wollen. Oft fühlt man sich am Anfang etwas überfordert von den vielen neuen Dingen und scheinbarem Chaos, umso erleichterter und verblüffter ist man, wenn am Ende doch alles so klappt, wie man es sich vorgestellt hat. Afrika funktioniert anders als Europa und für mich ist es jedes Mal ein tolles Gefühl, mich auf diese Andersartigkeit der Dinge einzulassen, loszulassen von vorgefertigten Erwartungen und Denkweisen, um letztlich festzustellen, dass man einfach jeden Moment im Leben genießen kann ohne Angst vor morgen haben zu müssen. Reisen nach Afrika sind also nicht nur mit tollen Fotos gespickter Urlaub, sondern auch immer ein Stück weit Selbstreflektion und Therapie.

Akwaba Afrika steht für nachhaltiges Reisen nach Afrika und hautnahe Begegnungen. Können Sie ein bisschen mehr dazu erzählen. Was macht Akwaba Afrika aus und auch besonders?

Als David und ich Akwaba Afrika gegründet haben, waren wir beide noch Studenten (Afrikanistik) und im Punkt Tourismus eigentlich ziemlich grün hinter den Ohren. Durch das Studium haben wir gelernt, Afrika sehr differenziert zu betrachten und die Besonderheit des Kontinents – außerhalb des klassischen Safari & Strand-Tourismus – kennengelernt. Wir haben Akwaba mit dem Wunsch gegründet diese Besonderheit der Welt zugänglicher zu machen und den Kontinent ganzheitlich zu präsentieren. Wir sehen uns daher auch ein Stück weit als Botschafter Afrikas in Europa. Daher liegt auch ein großes Augenmerk auf die Nachhaltigkeit unserer Reisen, wobei uns klar ist, dass der Begriff sehr strapaziert ist. Nachhaltigkeit bedeutet für uns in erster Linie das Zusammenspiel ökologischer, sozialer aber auch wirtschaftlicher Faktoren, die wir, so weit wie es die Destination oder die Art der Reise erlauben, zum Positiven für die Menschen und Naturräume Afrikas mitgestalten wollen. Um den Umständen in jeder Destination gerecht zu werden, legen wir daher auch immer wieder individuelle Fokusse an. Um diesen gerecht zu werden, arbeiten wir ausschließlich mit lokalen Unternehmen und bevorzugen dabei Unternehmen, die sich selbst in ökologischer und sozialer Hinsicht vorbildlich verhalten. Ein sensibler Punkt ist tatsächlich die Begegnung mit Menschen. Die Lebensrealitäten und Anschauungen sind in Afrika oft sehr anders, als wir es aus Europa gewohnt sind. Wenn Menschen aus ganz unterschiedlichen Hintergründen aufeinandertreffen, ist auch die Gefahr groß, dass Missverständnisse entstehen und Kultur auch zerstört werden kann. Daher versuchen wir auch in unserer Kommunikation und durch die Wahl unserer einheimischen Reiseleiter möglichst stark Brücken zwischen Touristen und Einheimischen zu bauen, die das gegenseitige Verständnis und den Respekt voreinander fördern sollen. Deshalb legen wir auch einen so starken Fokus auf Privatreisen und Kleinstgruppen, um uns intensiv um jeden einzelnen Gast zu kümmern und auf seine Reise vorzubereiten.

Da uns klar ist, dass viele Menschen skeptisch sind, wenn man sich gerade als Reiseveranstalter Nachhaltigkeit als Anspruch auf die Fahne schreibt, sind wir bemüht so offen wie möglich zu kommunizieren und haben uns auch entschieden uns von unabhängiger Seite (TourCert) hinsichtlich unserer Bestrebungen prüfen zu lassen. Nachhaltigkeit ist für uns auch kein Zustand, sondern ein mehrdimensionaler Prozess … Eine Reise in sich selbst, wenn man so will. Daher sind wir auch erpicht uns in dieser Hinsicht stets weiterzuentwickeln, zu verbessern und auch vor Kritik nicht zu verstecken.

Wie geht es Ihren Partnern in Afrika vor Ort im Moment?

Schlecht. Etliche Partner mussten Mitarbeiter entlassen, und haben im Gegensatz zu den Unternehmen in Deutschland noch keine wirkliche Zukunftsperspektive. Wir haben zwar versucht, die Gelder, die wir in den letzten Monaten an Kunden zurückzahlen mussten, soweit es geht auch bei den Partnern als Gutschrift zu belassen, aber je länger die Krise auch in Afrika dauert, desto größer wird auch hier die Not. Wir leben in Deutschland mit großen Privilegien. Kostenlose Gesundheitsversorgung, Staatshilfen und Konjunkturpakete – all diese Dinge gibt es in Afrika so nicht. Wenn in Deutschland Menschen davon reden, dass die Corona-Einschränkungen einen größeren Schaden hinterlassen als die Krankheit an sich, kann man natürlich über diese Hypothese streiten. In Afrika ist dies klar Realität. Daher begrüße ich auch den vielerorts kritisierten Schritt des tansanischen Präsidenten, das Land wieder für den Tourismus zu öffnen und hoffe, dass andere Länder mit niedrigen Infektionszahlen und einer großen Abhängigkeit vom Tourismus diesem Beispiel folgen. Auch die WHO hat von Anfang an davor abgeraten Reisefreiheit einzuschränken, da es kaum die Weiterverbreitung aufhält aber eklatante Schäden verursacht.

Können Sie dem Leser kurz erklären, warum Tourismus und Natur-und Tierschutz in Afrika so eng verwoben sind?

Ich denke, dass dieses Thema nicht nur Afrika betrifft. Lapidar gesagt schützen Menschen nur Dinge, denen Sie einen materiellen oder emotionalen Wert beimessen. Postkoloniale Wirtschafts- und Abhängigkeitsstrukturen behindern Afrika in seiner Entwicklung bis heute. Auch aus diesem Grund hat der Tourismus in Afrika eine so große Bedeutung erhalten, da in keiner anderer Branche die Länder selbst so viel Einfluss auf Entwicklung und Erfolg haben. Der Tourismus konkurriert daher mit anderen (teilweise auch illegalen) vor allem extraktiven Wirtschaftszweigen, also primär Rohstoffgewinnung. Solange der Besuch eines Nationalparks mehr Geld einbringt und Arbeitsplätze also Existenzgrundlagen schafft als die Wilderei oder auch anderweitiger Raubbau an der Natur, gibt es ein natürliches Interesse der Bevölkerung diese touristische Ressource, also Nationalparks, Tiere Landschaften und auch indigene Kulturen zu schützen und zu fördern. Das beste Beispiel hierfür ist die wachsende Gorilla-Population in Uganda oder auch der Erfolg der Arbeit von African Parks. Während Naturschutz in Europa in erster Linie auf emotionalen Werten und der Sorge um die Natur im Allgemeinen beruht, haben afrikanische Länder diesen Luxus nicht. Hier geht es gleichzeitig um Armutsbekämpfung und Sicherung materieller Grundlagen. Das macht den Tourismus zum perfekten Partner für Natur- und Umweltschutz in Afrika.

Sehen Sie in der Spezialisierung auf einen Kontinent für die Zeit „danach“ als Chance?

So habe ich das Thema eigentlich nie wirklich betrachtet. Wir fokussieren uns „nur“ auf Afrika, da wir als Spezialisten die Länder zugänglich machen wollen, die wir selbst kennen, zu denen wir eine emotionale Bindung haben und in denen wir uns sicher fühlen. Ich denke aber, dass Spezialreiseveranstalter, sofern Sie die Krise finanziell überleben, einen großen Vorteil gegenüber Generalisten haben, da wir in der Regel präzisere und aktuellere Infos über die Zielgebiete haben und mit einem starken und flächendeckenden Netzwerk auf dem Kontinent jederzeit auf potentielle Schwierigkeiten schnell reagieren können. Das schafft Sicherheit und Vertrauen und ich bin mir sicher, dass diese Aspekte nach der Krise einen höheren Stellenwert haben werden.

Denken Sie, dass sich das Reisen verändern wird? Wird es gar teurer?

Sicherlich wird sich das Reisen auf bestimmte Weise verändern. Die Frage nach dem „Wie“ bleibt in meinen Augen aber zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation. Man darf auch nicht vergessen das, wir Menschen Gewohnheitstiere sind und die Tourismusindustrie die größte Einzelbranche der Welt ist. Da macht drastische Veränderungen eher unwahrscheinlich. Ich gehe aber davon aus, dass Preise steigen werden, da zum einen teure Sicherheitsvorkehrungen weltweit Einzug halten und uns auch wohl längere Zeit begleiten werden. Zum anderen werden aber auch Reiseveranstalter die Preise erhöhen müssen, da die Corona-Krise gezeigt hat, dass unsere derzeitige Wirtschaftsweise und das EU-Reiserecht nicht auf derartige Ausnahme-Situationen ausgelegt sind. Ehrlich gesagt, sehe ich eine Verteuerung von Reisen eher positiv. Fernreisen sind Luxusdienstleistungen, die auch als solche behandelt werden und wertgeschätzt werden sollten. So sehr man auch für nachhaltiges Reisen wirbt und sich Mühe gibt, Reisen so umweltverträglich wie möglich zu machen, sind Fernreisen nach wie vor eine extreme Belastung für das weltweite Klima. Deswegen sollte man es nicht gleich abschaffen, aber ähnlich wie beim Fleischkonsum, die Frage stellen ob weniger nicht am Ende mehr ist.

Und worin liegt Ihrer Meinung nach die Stärke Afrikas als Reisedestination in diesem „The new normal“, das von allen Seiten prophezeit wird?

Afrika ist weltweit der am schwächsten von Touristen frequentierte Kontinent. Massentourismus gibt es wenn überhaupt nur an einigen wenigen Hotspots. Hygieneregeln und Sicherheitsmaßnahmen einzuhalten ist hier wesentlich leichter als z. B. auf Mallorca, den Kanaren oder vergleichbaren klassischen Urlaubsregionen. Dazu kommt, dass die absolute Mehrheit der touristischen Produkte in Afrika sich um Naturthemen drehen. Dabei ist man generell weniger mit Menschen in Kontakt. Auch die relative hohe Preislage für touristische Güter in Afrika sorgt für auch weiterhin eher geringe Besucherzahlen (im Vergleich mit anderen Weltregionen). Der Tourismus in Afrika ist generell auf sehr hohem qualitativem Niveau. Afrikanische Länder haben zudem Erfahrung in der Bewältigung und Eindämmung von Epidemien und werden dabei selbst beim Wiederauftreten von Corona-Infektionen schnell und bestimmt handeln können, um eine zweite Pandemiewelle zu vermeiden.

Surfer am Busua Beach, Foto: Ahanta Waves Surf School & Camp

Über was wird ihnen in der aktuellen Lage zu wenig gesprochen?

Die Corona-Krise birgt Chancen für eine Neugestaltung vieler Aspekte des politischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens und auch des Nord-Süd-Verhältnisses. Es scheint, als wenn die Rückkehr zur alten Normalität für die meisten so wichtig ist, dass über neue Formen der Wirtschaftsweise und auch der internationalen Zusammenarbeit wenig nachgedacht wird. Die Corona-Krise hat auch gezeigt, dass die neoliberalen Paradigmen der letzten 30 Jahre teilweise verantwortlich für das Ausmaß der Krise sind. Bestimmte gesellschaftliche Ressourcen, wie das Gesundheitswesen müssen sich am Gemeinwohl und nicht an marktwirtschaftlichen Prinzipien orientieren, wenn man in Zukunft besser auf vergleichbare Krisen reagieren möchte.

Wenn Sie sich gerade nach Afrika träumen – wo liegt ihr persönlicher Sehnsuchtsort im Moment?

Spontan kommt mir dort gleich Likoma Island im Malawisee in den Sinn. Der perfekte Ort, um die Welt um einen herum für ein paar Tage zu vergessen.

Mehr unter akwaba-afrika.de

Das Interview führten wir Mitte Juni 2020