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Cecils Aufstieg und Fall

Cecil der Löwe. Eine Legende im Hwange Nationalpark in Simbabwe. Ein echtes Drama. Eine Geschichte über Reviere, übers Erwachsenwerden und ein Machtkampf um Vereinigungen. Cecil war eine Naturgewalt, die vor Mut und Tapferkeit strotzte. Dies ist nicht die Geschichte seines Todes. Es ist die Geschichte seines Lebens. Das Erbe einer Legende, die vor ihrer Zeit gehen musste.

Text: Jennifer Southwell

 

 Calvet, Guide, Geschichtenerzähler und Cecil Experte

 

Die Geschichte beginnt am Lagerfeuer. Calvet, unser Guide, erzählt leidenschaftlich über die Begebenheiten und Mythen dieses Landstrichs. Das Aufwachsen in einem kleinen Dorf im südlichen Simbabwe weckte in Calvet die Leidenschaft für den afrikanischen Busch. 1995 wagte er den Sprung. Er wurde Ranger. Seitdem lebt er dieses besondere Leben mit einer ansteckenden Begeisterung und einem reichen Erfahrungsschatz für die Wildnis.

Calvet ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, vor allem wenn es um Cecils Geschichte geht. Dem Löwen, der 2015 internationale Bekanntheit erlangte, nachdem ihn ein US-amerikanischer Zahnarzt unter fragwürdigen Umständen bei einem Jagdausflug tötete. Calvets witzige, heitere Art bietet fesselnde Einblicke in das Leben dieses dominanten Königs des Busches, und bereichern das Safari-Erlebnis.

Wir versammeln uns um das Lagerfeuer im Somalisa Expeditions Camp, wo seit jeher die besten Geschichten erzählt werden. Wir sind voller Erwartung, denn wir wissen, dass nun eine weitere epische Erzählung folgen wird.

Der Aufstieg von Cecil


Cecil, der Löwe. Foto: Nic Polenakis

Cecil wurde im Rahmen einer Oxford Studie mit einem Halsband „markiert“ und erforscht. Daher hatte Cecil auch einen Namen. Er war der Herkules des Hwange Nationalparks, des größten Nationalparks Simbabwes, der im Westen des Landes liegt. Er war so berühmt, dass viele Reisende von überall herkamen, nur um ihm einmal zu begegnen. Er war der Inbegriff eines Löwen, das was man sich unter einem wahrhaftigen König der Tiere vorstellt. Ein Kollos mit einer vollen schwarzen Mähne und einer mächtigen Gestalt. Mit goldenen Augen, die direkt durch einen durchzublicken schienen und einem unvergleichlichen Selbstvertrauen. Schlicht: Er war bereits zu Lebzeiten eine Legende.

„Es begann alles mit Cecil und seinem Sohn Xanda. Ihr Rudel umfasste 16 Löwen“, beginnt Calvet seine Geschichte. „Sie beherrschten das östliche Territorium des Nationalparks der Linkwasha Konzession. Bis sie auf Bush und Bhubesi trafen, zwei Brüder, die aus dem nördlichen Territorium kamen. Cecil und Xanda kämpften mit ihnen. Ihr könnt euch vorstellen, was für ein kraftvolles Szenario es gewesen sein muss, als die vier ausgewachsenen, machthungrigen Löwen miteinander kämpften. Eine Brachialgewalt. Pure Aggression. Das Brüllen und der Donner von kämpfenden Löwen und Blut. Cecil und Xanda konnten ihr Territorium halten und jagten die Brüder davon. Das Gebiet war gesichert. Vorerst.“

„Doch hierbei machte Cecil einen Fehler“, erzählt Calvet weiter. Nach seiner Konfrontation mit den Brüdern bemerkte Cecil, dass sein Sohn immer stärker wird. Davon bedroht, jagte er ihn aus dem Rudel. Bush und Bhubesi witterten ihre Chance, griffen erneut an – und vertrieben Cecil aus Linkwasha ein für alle mal.

Der Guide erinnert sich: „2013 lockte mich Beks, der Gründer von African Bush Camps, hierher nach Somalisa. Zur gleichen Zeit wurde Cecil aus seinem Territorium gejagt und folgte mir hierher. Kokore war in jener Zeit der hier ansässige, dominante Löwe.“ Cecil war dünn, sein Zustand verschlechterte sich, er hatte weder Kraft noch Kondition. Aus der Not heraus versuchte er sich Kokore unterzuordnen, um eine Koalition zu bilden. Aber Kokore wies ihn zurück. Er war zu besorgt, dass Cecil seine Jungen im Rudel töten würde.

Cecil & Jericho


Jericho, Cecils Waffenbruder. Foto: Nic Polenakis

Cecil jedoch fand Jericho, einen weiteren großen Löwen, der ebenfalls alleine unterwegs war. Sie verband eine Geschichte: „Der Legende nach tötete Jerichos Vater Cecils Vater im Kampf. Was bedeutete, dass beide keine Freunde waren.“ Jedoch begruben sie ihre Streitigkeiten, vereinten ihre Kräfte und zogen in die Somalisa Konzession. Doch trotz ihrer Verbindung rumorte es zwischen ihnen. Immer wieder gab es Unfrieden zwischen den zwei Machtbesessenen. Sie trugen einige Kämpfe aus. Mit soviel Testosteron in der Luft gab es auch immer wieder Gründe, sei es das Essen oder die Weibchen. Dennoch fanden sie immer wieder zusammen. Denn sie wussten: Gemeinsam waren sie stärker als alleine.

Das Brüllen Afrikas, Cecil der Löwe im Somalisa Camp

„Sie warben“, erzählt Calvet, das Brüllen der Löwen nachahmend. In diesem Brüllen liegen mehrere Nachrichten. Erstens geben sie den Weibchen so zu verstehen, dass sie ihr Rudel vergrößern wollen. Zudem weisen sie männliche Löwen in ihre Schranken und vermitteln ihnen, dass sie mit allen Mitteln bereit sind, die Macht zu übernehmen. „Wenn ein Löwe brüllt, hallt es in deinem Sein nach und sät Angst in deiner Seele. Es trägt dich zu deinen Wurzeln und lässt dich mit dem wilden und echten Afrika verschmelzen. Sofort verstehst du, warum sie es sind, die an der Spitze der Nahrungskette stehen. Je lauter und einschüchternder sie klingen, desto anziehender sind sie für die Weibchen in dem Gebiet.“

Die „Spice Girls“


Eine der „Spice Girls“, „Nobuhle“, was Mutter der Schönheit bedeutet

Als Kokore die zwei großen Männchen jedoch hörte, war er nicht beeindruckt. Er stellte sich ihnen entgegen. Doch als er sie dann in ihrer Kraft vereint sah, zog er sich zurück und überließ ihnen seinen Rudel. Cecil und Jericho waren nun an der Spitze, die Könige von Somalisa. Sie stellten sich den Weibchen des Rudels vor, diese aber rannten davon und versuchten ihre Jungen zu schützen.

Unbeirrt warben Cecil und Jericho weiter. Nun waren sie die Herrscher des Gebiets und suchten nach Weibchen, um ihr Erbe weiterzutragen. Da erschienen drei Löwinnen, die von der schieren Kraft und Macht des Gebrülls angezogen wurden. „Sie wurden die Spice Girls genannt“, schmunzelt Calvet. Sie sahen Cecil und Jericho und dachten: „Ja, das sind diejenigen, die wir wollen. Lasst uns mal sehen was hier passieren wird,“ erzählt Calvet.

„2014 „unterhielten“ sie die Jungs eine Weile“, zwinkert Calvet und lacht schelmisch. Die Löwinnen paarten sich in einer vorgetäuschten Brunst, um eine Verbindung mit den Jungs einzugehen und Vertrauen aufzubauen. Mitte 2014 waren sie dann allerdings tatsächlich brünstig. Das Gute: Zu dieser Zeit vertrauten sie Cecil und Jericho bereits. Im September waren sie schwanger, im Dezember rund. 2015 gebaren die Spice Girls sieben Junge. Zwei Männchen und fünf Weibchen. „Eine glückliche Familie“, frohlockt Calvet, „und für eine Weile lebten sie ein perfektes Leben in Somalisa.“ Das Rudel wuchs sogar auf zwölf Löwen an. Jericho war eher devot, daher glaubte man, dass alle Jungen Cecils waren. Und doch stellte sie das wachsende Rudel vor Herausforderungen …

Der Anfang vom Ende

Denn es bedeutete Kampf um Platz und Nahrung. Sie mussten ihr Territorium vergrößern. Jericho wagte sich weiter gen Norden bis zu Kennedy 1, nahe der Eisenbahnlinie. Hinter dieser Linie liegt die Waldkonzession, auch bekannt als die Jagdkonzession. Hier fand er eine einsame, alte Löwin. Cathy. „Sie gebar keine Jungen, war aber ein netter Zeitvertreib.“ Jericho berichtete Cecil, dass er mehr Territorium entdeckt hatte. Also gingen sie nach Norden. „Cecil sah Cathy und war sehr glücklich, wahrscheinlich sagte er zu Jericho: „Gut gemacht, mein Freund“, lacht Calvet und klopft mir auf die Schulter, Cecil imitierend.

Für eine Weile blieben sie bei Cathy. Immer wieder kehrten sie nach Somalisa zurück und gingen über Nacht nach Norden. Zuerst kamen sie für eine Woche zurück, sahen nach den Jungen und gingen wieder zu Cathy. Dann blieben sie bis zu einem Monat ohne Rückkehr … „und da begann der Ärger.“

Im Juli 2015 war Cecil über einen Monat lang im Norden des Parks. Hier, wo ihm das Schicksal zum Verhängnis werden sollte. Es war der Moment, in dem Cecil dem grausamen und unfairen Lauf eines Gewehres ins Auge blickte. Er verließ die Sicherheit des Nationalparks und betrat unwissentlich die Jagdkonzession. „Sie wählten Cecil wegen seiner Schönheit“, stellt Calvet schlicht fest.

Dieser Zwischenfall sendete Schockwellen hinaus in die ganze Welt. Alle Ranger im Park, die Cecil kannten, waren schockiert. Viele der Guides in der Region hatten eine Verbindung zu Cecil. Es kamen Gäste von überall, um diese Naturgewalt zu sehen und auf einmal, einfach so, war sie weg.

Stille füllt die Luft. Alles was man jetzt noch hören kann, ist das Knistern des Feuers. Spannung liegt in der Luft, Anspannung liegt in Calvets Stimme. Es fühlt sich an wie das Ende der Geschichte. Aber das ist es nicht. Es ist der Rhythmus Afrikas. Die Sonne steigt wieder auf und das Leben geht weiter. Wie viele Guides in der Region lenkt Calvet den Fokus auf das Vermächtnis, das in Cecils Rudel weiterlebt.

Jericho blieb im Norden. Er kam nicht mehr zum Rudel zurück. Er blieb bei Cathy und zwei weitere Löwinnen schlossen sich dem Rudel an. Er wurde Vater von fünf Jungen.

Cecil jedoch war solch ein Wunder der Natur, dass sein Vermächtnis weiterlebt. Seine Jungen sind immer noch in der Somalisa Konzession mit den „Spice Girls“. Die Geschichte von Cecils Rudel geht weiter. Die Jungen wachsen auf und tragen die Legende hinaus in den Busch. Das Rudel verändert sich kontinuierlich und immer noch kommen Leute aus der ganzen Welt, um Cecils Erben zu sehen.

Im nächsten Teil: Cecils Vermächtnis, Bhubesis Rückkehr

Weitere Informationen zu Somalisa Expeditions
 
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